Dr.-Ing. Markus Hiebel, Abteilungsleiter Nachhaltigkeits- und Ressourcenmanagement im Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT, über die Herausforderung, eine belastbare Ökobilanz für ein internationales Recyclingunternehmen zu erstellen.

Herr Dr. Hiebel, Sie ermitteln jedes Jahr die Ressourcen- und Treibhausgasersparnis durch die Recyclingaktivitäten innerhalb der ALBA Group. Was ist das Besondere an Ihrer Ökobilanzmethodik?

Immer mehr Menschen, Organisationen und Unternehmen möchten wissen, welche Produkte und Prozesse wirklich ökologisch vorteilhaft sind. Unsere Aufgabe ist es, diese Fragen wissenschaftlich fundiert zu beantworten – und die Methode der Wahl ist die Ökobilanzierung, ein nach ISO 14040/44 normiertes, international anerkanntes Instrument. Vor elf Jahren wollte die ALBA Group gemeinsam mit uns die Umwelteffekte des Recyclings messbar machen und stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. So haben wir dazu eine Studienreihe entwickelt, die heute den Namen „resources SAVED by recycling" trägt, und die Ökobilanz eigens auf die Recyclingströme der ALBA Group angewendet.

 

Die Studie vergleicht den Umwelteffekt durch Recycling mit dem der Primärproduktion. Was ist die größte Herausforderung bei dieser Analyse?


Den Klima- und Ressourcenrucksack können wir nur ermitteln, wenn die Datenlage stimmt. Das ist stets eine große Herausforderung, denn mit Blick auf die Primärproduktion von Materialien stellen sich zahlreiche Fragen wie: Wie viel Gestein wird beim Abbau von Kupfererz abgetragen? Welche Verfahren kommen beim Recycling von Kunststoffen zum Einsatz? Aus welchen Energieträgern wird der Strom produziert, der zum Betrieb der Technik notwendig ist? Wie viel Treibstoff wird beim Transport der Rohstoffe verbraucht und mit welchen Transportmitteln wird die Logistik abgewickelt?

Hinzu kommen geopolitische Recherchen: In welchen Ländern finden der Kupferbergbau oder die Erdölraffination maßgeblich statt? Ist ein Player am Markt gerade besonders mächtig und verschieben sich die Länderanteile an den Importen? Um einen belastbaren Vergleich ziehen zu können, müssen wir auch die Datenzeiträume im Blick behalten. Viele Produkte gelangen nämlich erst mehrere Jahre nach ihrer Produktion ins Recycling. Sprich, Kupfer, das heute recycelt wird, wurde womöglich bereits vor zehn Jahren als Primärmaterial abgebaut – es ersetzt jetzt aber Kupfer, das heute mit viel Aufwand erst gewonnen werden müsste.

 

Wie gelangen Sie an diese komplexen Ökobilanzdaten?


Die Informationen zur Primärproduktion ziehen wir vor allem aus der Ökobilanzdatenbank GaBi, kurz für Ganzheitliche Bilanzierung, die fortlaufend aktualisiert wird. Man muss sich das wie eine riesige Bibliothek voller Datensätze vorstellen: Gewichtsangaben, Lieferwege, Transportmittel, Energieverbräuche und vieles mehr, stets bezogen auf unterschiedliche Rohstoffe und Lagerstätten. Für Kupfer existieren in dem System beispielsweise mehr als 20 Datensätze. Hier ist unser Know-how gefragt, damit wir genau die Informationen wählen, die zu den Stoffströmen der ALBA Group passen. Das nennen wir „modellieren".

 

Wie setzt sich der „Think Tank", der alljährlich an der Studie arbeitet, bei Fraunhofer UMSICHT zusammen?


In unserem vierköpfigen Kernteam befinden sich ein Experte für Ökobilanzierung, ein Geowissenschaftler, ein Chemieingenieur und ein Spezialist für Nachhaltigkeitsmanagement. Das breite Fachwissen ist für den Erfolg der Untersuchung entscheidend. Denn die ALBA Group hilft dabei, unterschiedlichste Stoffströme im Kreislauf zu führen, und unsere Aufgabe ist es, die Recyclingprozesse für jedes Material so exakt wie möglich abzubilden.

Wenn wir eine verfahrenstechnische Frage einmal nicht im Team beantworten können, greifen wir auf das Know-how aus unserem Institut zurück. Am Standort Oberhausen arbeiten mehr als 360 Menschen, unter anderem in einem Kunststofftechnikum, in dem wir eigene Verfahren und Rezepturen entwickeln. Diese Expertise nutzen wir beispielsweise, wenn wir offene Fragen zur Kunststoffaufbereitung haben.

 

Und wie erhalten Sie die Daten für die Verarbeitungsprozesse innerhalb der ALBA Group?


Da ist vor allem die enge Zusammenarbeit mit den einzelnen Fachbereichen gefragt. Nach einem Auftaktgespräch schicken wir Fragebögen an die jeweiligen Ansprechpartner, die alle Daten nach unseren Vorgaben sammeln und an uns senden – von aktuellen Recyclingmengen über die Energieverbräuche der Anlagen bis hin zu Transport-distanzen und Exportanteilen. Dabei gilt generell: Der ökologische Rucksack von Recyclingmaterialien wird leichter, je emissionsärmer und energiesparender die Aufbereitungstechnologie ist. Deshalb ist eine hochwertige Kreislaufführung nach modernem Standard entscheidend für eine positive Umweltbilanz.

 

Ist für Sie die Untersuchung „resources SAVED by recycling" nach elf Jahren noch ein spannendes Projekt?


Absolut. Einerseits führt die ALBA Group immer wieder Neuerungen in ihren Prozessen ein, die wir in unseren Analysen berücksichtigen müssen. Andererseits haben wir gemeinsam mit der ALBA Group die Methode der Studie stetig weiterentwickelt. So wurden ab 2013 neben den Treibhausgasemissionen erstmals auch Ressourceneinsparungen durch das Recycling ausgewiesen – ein bislang in der Branche einmaliges Konzept. Auch deshalb ist „resources SAVED by recycling" ein Projekt mit großer Strahlkraft.

Seit unsere erste Studie für die ALBA Group veröffentlicht wurde, haben viele andere Unternehmen ihrerseits Ökobilanzen entwickelt und die Ergebnisse an ihre Kunden kommuniziert. Das verändert langsam, aber sicher die Wahrnehmung in der Gesellschaft.

Immer mehr Verbraucher wählen bewusst Produkte, die aus Recyclingmaterial bestehen, weil sie verstehen, wie gut die Umwelttechnologien in Deutschland funktionieren und welchen großen Nutzen die Kreislaufwirtschaft für die Umwelt hat. Unsere Studie trägt dazu bei, den Weg zu einer nachhaltigeren Wirtschafts- und Konsumweise zu ebnen.

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