Dr.-Ing. Markus Hiebel, Abteilungsleiter Nachhaltigkeits- und Ressourcenmanagement und Nachhaltigkeitsbeauftragter im Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT, über die Chancen einer umfassenden Circular Economy.

Herr Dr. Hiebel, seit zehn Jahren untersuchen Sie, welchen Umwelteffekt das Recycling der ALBA Group erzielt. Was war anfangs die größte Herausforderung und was hat sich über die Jahre verändert?

Zu Beginn mussten wir erst einmal eine völlig neue Methodik entwickeln, um den Klima- und Ressourcenrucksack eines Produkts genau messen zu können. Das war eine  Herausforderung für sich, denn wir benötigten alle relevanten Daten sowohl zur Rohstoffgewinnung als auch zur Logistik und Produktion. Es stellten sich Fragen wie: Wie viel Erde und Gestein müssen abgetragen werden? Welcher Strommix wird zur Aufbereitung verwendet? Wie viel CO2 wird beim Transport der Erze durch den Treibstoffverbrauch freigesetzt? Über die Jahre haben wir viel Know-how hinzugewonnen und konnten immer mehr Stoffströme untersuchen.

 

Zu welchem zentralen Ergebnis sind Sie in Ihren Studien gelangt?


Unser wissenschaftlich fundiertes Kernergebnis ist damals wie heute, dass ein hochwertiges Recycling die Umwelt deutlich entlastet. Trotz immer weiter entwickelter Produktionstechniken wirkt sich die Sekundärgewinnung sowohl auf die Treibhausgasbilanz als auch auf den Ressourcenschutz positiv aus. Und zwar bei jedem Stoffstrom, den wir für die ALBA Group bislang unter die Lupe genommen haben. Von Jahr zu Jahr ziehen wir daraus die Bestätigung, dass an Recycling kein Weg vorbeiführt. Denn auch hier geht die technische Entwicklung weiter. Dabei gibt es auch bei der Sekundärproduktion Unterschiede in der Ökobilanz: Recycling ist nicht gleich Recycling.

 

Das heißt, die Ökobilanz von Recyclingprodukten kann sich ändern? Welche Faktoren beeinflussen diese Bilanz?


Der ökologische Rucksack von Recyclingprodukten hängt vor allen Dingen davon ab, welche Aufbereitungstechnologien eingesetzt werden. Moderne, emissionsarme Aggregate reduzieren den Fußabdruck stärker als jene, die mehr Strom verbrauchen oder den Strom aus einer treibhausgasintensiven Quelle ziehen. Deshalb beeinflusst es auch die Bilanz, wo – also in welchem Land – recycelt wird und wie weit das Material dafür reisen muss. Wenn etwa ein Material aus Deutschland zur Aufbereitung ins nicht-europäische Ausland verschifft wird, kann das den CO2-Fußabdruck vergrößern. Vor allem, wenn der Strom dort noch zu einem großen Teil aus Kohlekraftwerken gewonnen wird. Auf der anderen Seite können erhöhte Transportdistanzen aber auch durch effizienteren Technologieeinsatz ausgeglichen werden. Gerade deswegen sollte die Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft eng mit einer begleitenden Nachhaltigkeitsbewertung verbunden sein.

 

Mit Blick auf eine nachhaltige Wertschöpfungskette, die alle Phasen des Produktlebenszyklus einschließt – welche Rolle spielt da ein recyclinggerechtes Design?


Ökodesign ist einer der größten Hebel, um eine funktionierende Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen. Nur wenn recyclingfähige Stoffe verbaut werden und ein Produkt von vornherein so zusammengesetzt wird, dass seine Bausteine bekannt und leicht voneinander trennbar sind, kann es effektiv wiederverwendet, repariert und recycelt werden. Andernfalls bleibt am Ende des Produktlebenszyklus für den Recycler nur die Möglichkeit der „Schadensbegrenzung“. Negativbeispiel sind die frühen LCD-Bildschirme. Anfangs wurde giftiges Quecksilber darin verbaut, das nun aufwändig abgetrennt und als gefährlicher Abfall entsorgt werden muss. So etwas sollte im Design nicht passieren. Hier ist ein Umdenken erforderlich. Was wir brauchen, ist ein Schulterschluss der Hersteller mit den Recyclingunternehmen, damit deren Know-how stärker in die Produktentwicklung einbezogen wird.

 

Wie viel Potenzial steckt noch in der Kreislaufwirtschaft?


Wenn man die Kreislaufwirtschaft konsequent zu Ende denkt, ist sie letztlich ein alternatives Wirtschaftsmodell. Ein Modell, in dem immer mehr Produkte und Materialien selbstverständlich und effizient im Kreislauf gehalten werden. Das wiederum hilft dabei, Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen. Kleinere Ansätze, die es schon gibt, sind Repair-Cafés oder Online-Plattformen zum Verleihen oder Austauschen von Produkten – Stichwort „Sharing Economy“. Hier gibt es aber noch viel Potenzial. Das erkennt auch die internationale Gemeinschaft immer deutlicher und diskutiert über die Chancen der „Circular Economy“, wie sie auf Englisch heißt. Um die Möglichkeiten voll auszuschöpfen, braucht es politische Initiativen, die etwa recyclinggerechtes Design und Produktkennzeichnungen fördern. Denn eins ist sicher: Die Wegwerfgesellschaft wird nicht mehr lange funktionieren. Nur mit einer Kreislaufwirtschaft sind wir zukunftsfähig.

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