Vom europäischen Green Deal bis zum Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft: Selten wurde so deutlich, welche essenzielle Rolle das Recycling für den Klima- und Ressourcenschutz spielt. Dr.-Ing. Markus Hiebel vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT ist überzeugt: Auch die Widerstandfähigkeit der Wirtschaft gegen Krisen wächst durch geschlossene Kreisläufe. „Die Akteure rücken bereits enger zusammen, um zum Beispiel bei der Recyclingfähigkeit von Produkten oder beim Rezyklateinsatz schnell voranzukommen.“

 

 

Herr Dr. Hiebel, ein nachhaltiger Wandel von der linearen zur zirkulären Wirtschaft hängt von vielen Akteuren ab: Politik, Verbraucher, Industrie, Handel und Recyclingunternehmen. Welchen Beitrag kann die Wissenschaft leisten?

Die wissenschaftliche Arbeit ermöglicht Innovationen, das gilt für technologische Weiterentwicklungen in der Sortierung oder Aufbereitung, aber auch für neue Geschäftsmodelle wie etwa das Refurbishment von IT-Geräten. Belastbare Ökobilanzen – zum Beispiel die vorliegende Ressourcenstudie – sind eine wichtige Grundlage für die Planung und Darstellung nachhaltiger Maßnahmen. Nicht zuletzt kann die Wissenschaft als Scharnier zwischen den Teilnehmern der Wertschöpfungskette dienen, als neutraler Vermittler, der alle Akteure an einen Tisch bringt. Der Übergang zu einer klima- und ressourcenschonenden Kreislaufwirtschaft kann schließlich nur im Verbund gelingen.

 

In welchem Maße das Recycling von Wertstoffen die Umwelt entlastet, analysieren Sie in der Studie „resources SAVED by recycling“ auf das Kilogramm genau. Welche Faktoren beeinflussen die Klima- und Ressourcenbilanz besonders stark?


Ein wichtiger Faktor ist der Energieeinsatz. Zum einen lässt sich durch einen geringeren Stromverbrauch viel erreichen, zum anderen verbessert ein hoher Anteil an erneuerbaren Energien die Treibhausgasbilanz. Ein Beispiel für die positiven Effekte technischer Innovationen ist das Kaskaden-Extrusionssystem COREMA®, mit dem Interseroh die neueste Generation des Recyclingkunststoffs Procyclen herstellt. Da die Produktion in nur einem Prozessschritt erfolgt und weniger Energie verbraucht, spart der Einsatz von Procyclen heute über 50 Prozent Treibhausgase im Vergleich zu Neuware aus Rohöl.

 

Das Recycling konkurriert natürlich immer mit der Herstellung des vergleichbaren Primärmaterials – daher betrachten wir auch jedes Jahr aufs Neue, wie sich die Primärprozesse verändern. So wird es beispielsweise immer aufwendiger, bestimmte Rohstoffe wie Kupfer zu gewinnen. Durch geringere Metallkonzentrationen werden immer größere Abraummengen bewegt. Auch das verändert die Bilanz zugunsten des Recyclings.

 

Welche Trends beobachten Sie beim Produktdesign, zum Beispiel von Kunststoffverpackungen?


Wie wichtig es ist, das Recycling von vornherein mitzudenken, ist den meisten Akteuren bewusst. Lässt sich zum Beispiel eine Verpackung nicht in ihre Bestandteile trennen oder wird sie durch Farben oder Beschichtungen nicht richtig erkannt, behindert dies eine effiziente stoffliche Verwertung. Zwar funktioniert die Sortierung immer besser, etwa bei der Erkennung schwarzer Kunststoffe durch Nahinfrarot-Technologie. Dies ist aber eine nachgelagerte Strategie. Die Industrie muss recyclinggerechte Verpackungen in Umlauf bringen, die dabei gleichzeitig den Produktschutz und Hygieneanforderungen sicherstellen und das Markenimage transportieren – hier müssen Handel, Industrie und Forschung nachlegen. Und auch die Verbraucher sind gefragt. Je besser Abfälle schon in den Haushalten getrennt werden, desto einfacher gelingt das Recycling. Die dualen Systeme mit ihrer Kampagne „Mülltrennung wirkt“ leisten hier einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung.

 

Eine weitere Stellschraube ist der Rezyklateinsatz in der Industrie. Inwieweit arbeiten die Akteure der Wertschöpfungskette zusammen, um die Verwendung von Recyclingrohstoffen voranzubringen?


Viele Firmen haben sich bereits freiwillig verpflichtet, bestimmte Anteile an Recyclingrohstoffen in ihren Produkten zu verwenden. Hierzu brauchen sie jedoch Zugriff auf diese Materialien und starke Partnerschaften mit Recyclingunternehmen. Unserer Beobachtung nach rückt der Markt der Produzenten und der Recycler enger zusammen. Insgesamt sollten mehr Anreize zur Erhöhung des Rezyklateinsatzes geschaffen werden. Wenn der Rezyklatanteil zum Kaufkriterium bei der Beschaffung von Produkten wird, kommt es auf der Nachfrageseite zu positiven Effekten.

 

Im Frühjahr 2020 mahnte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Nachhaltigkeitsmaßnahmen dürften infolge der Corona-Krise nicht abgeschwächt werden. Im Gegenteil: Der erforderliche wirtschaftliche Wiederaufbau müsse mehr denn je mit den Zielen des Green Deals vereinbar sein. Welche Chancen sehen Sie für eine Weichenstellung in Richtung Circular Economy?


Ein wichtiges Stichwort ist die Resilienz einer Volkswirtschaft. Die Corona-Krise zeigt an vielen Stellen, dass darüber nachgedacht werden sollte, Stoffkreisläufe zu schließen. Denn dadurch kann die Abfallwirtschaft vermehrt Recyclingrohstoffe generieren, die benötigten Mengen qualitätsgesichert bereitstellen und helfen, die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und externen Versorgungsquellen zu minimieren. Gleichzeitig können durch das Recycling Treibhausgase eingespart werden. Die Klima- und Umweltschäden, aber auch die externen Kosten des bisherigen linearen Wirtschaftens sollten künftig stärker in strategische Planungen einbezogen werden. Neue Ideen und Geschäftsmodelle im Bereich von Wiederverwendung, Sharing, Leasing oder der Digitalisierung von Produkten können Arbeitsplätze schaffen, Produkte und Materialien länger im Kreislauf halten und die Widerstandskraft der Wirtschaft gegen äußeren Einflüsse stärken.

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